Spielbericht: Die Schlacht am Kahlenberg (Wien 1683)

Spielbericht: Die Schlacht am Kahlenberg (Wien 1683)

Hintergrund:
Anlässlich des Dice&Bayonets-Con im Mai 2014 in Speyer beschloss ich, mal wieder ein großes Szenario aufzustellen.
Mir schwebt schon seit einiger Zeit vor, die Entsatzschlacht am Kahlenberg bei der 2.Türkenbelagerung Wiens nachzuspielen.

Hier stellten sich die osmanischen Belagerer einem Entsatzheer entgegen, das aus kaiserlichen Österreichern, Sachsen, Bayern, Franken und anderen Deutschen aber auch einer polnischen Armee unter König Johan Sobieski bestand.

Über den genaueren historischen Hintergrund werde ich jetzt nicht viel schreiben, da das in den einschlägigen (Internet-)Quellen, bei Wikipedia und Co. leicht nachgelesen werden kann.

Gelände und Miniaturen:
Über die Jahre habe ich einen Bestand im 15mm Maßstab zusammengetragen, der alle benötigten Teile des Szenarios enthält. Zur Darstellung von Wien benutzte die ich Vauban-Festung von JR Miniatures (vertrieben von Magister Militum). An meiner 15mm Osmanenarmee habe ich schon seit 2007 immer mal wieder gearbeitet und weiter aufgestockt. Vom Potop-Projekt der TACTICA 2013 hatte ich jede Menge Polen und Kosaken, nur die für das Jahr 1683 passende mitteleuropäische Infantrie und Kavallerie habe ich erst seit Sommer 2013 angeschafft und bemalt.
Die diversen Hügel und Dörfer auf der Platte sind größtenteils selbstgebaut, manche Gebäude sind gekauft (Hersteller: JR Miniatures und Hovels)
Bei der Darstellung der Weinberge an den Hängen des Wiener Waldes sind die Weinberge von Battlefront zum Einsatz gekommen.
Insgesamt habe ich um die 900 Figuren auf die Platte bekommen.


Meine Darstellung von Wien und der türkischen Belagerer (ohne jede historische Akkuratesse !)

Regelwerk und Armeeaufstellungen:
Da ich das Field of Glory-Renaissance Regelwerk sehr mag und schon einige historische Szenarien mit diesem System nachgestellt habe, war es klar, dass es auch für dieses Setting wieder zum Einsatz kommen würde. Ich war sehr gespannt, wie sich die drei doch sehr unterschiedlichen Armeen (Kaiserliche/Deutsche, Osmanen, Polen) zueinander verhalten würden.
Die Listen sind aus den Armeebüchern Clash of Empires und Duty and Glory. Allerdings habe ich die vorgeschriebenen Minima und Maxima vollkommen ignoriert und einige Anpassungen vorgenommen, die mir für bestimmte Truppentypen oder die in meiner Sammlung vorhandenen Miniaturen passend erschienen. Vor allem wollte ich soweit wie möglich WYSIWYG (What you see ist what you get) erreichen, damit nicht bei jeder Einheit erst lange in der Armeeaufstellung nachgelesen werden muss, wie diese denn tatsächlich ausgerüstet ist.
Für die Stärke und Zusammensetzung der christlichen Entsatzstreitmacht gibt es einige gute Quellen und auch der entsprechende Osprey-Band gibt brauchbares her. Über die Osmanen etwas halbwegs verwertbares zu bekommen ist mir allerdings nicht gelungen.
Es ist oft von einer riesengroßen Streitmacht von 100.000 bis 200.000 Köpfen die Rede. Aber wie der Anteil von Nicht-Kombattanten zu Kämpfern ist, wie die Aufteilung in die einzelnen Truppengattungen war und ob Unterschiede in Bewaffnung und Ausrüstung sind, habe ich nicht verlässlich herausfinden können.
Auch die Angaben, ob die einzelnen Truppen an der Schlacht am Kahlenberg beteiligt waren, oder sich währenddessen in den Belagerungsgräben oder im Türkenlager aufhielten, sind oft lückenhaft oder widersprüchlich.
Daher habe ich die Osmanen auf Grundlage einiger gefundener Informationen, aber vor allem nach bestem Wissen und Gewissen in eine Armeeaufstellung gepresst, die punktemäßig gleich stark wie ihre Gegner ist.
Insgesamt kam so jede Seite auf ca. 1.650 Armeepunkte, was insgesamt etwa 4 Standard-Field of Glory-Armeen entspricht.

Das Spiel:
Wie geplant wurde das Szenario dann auf der Convention in Speyer gespielt. Dabei habe ich von Spiel zu Spiel kleinere Modifikatoren vorgenommen um das Spiel besser mit dem historischen Ablauf der Ereignisse in Einklang zu bringen.
Schwachstellen im Gameplay waren, dass die Osmanen eine enorme Schusskraft aufbieten konnten, die viele christliche Angriffe zerschlug. Die hohe Mobilität der Osmanen hinderte die Polen an einer effektiven Entfaltung und der defensive Charakter der Türken in der historischen Schlacht kam in unseren Spielen eher selten rüber. Trotz meiner Modifikatoren die den Christen Vorteile verschafften, gewannen jedesmal die Osmanen.
Zwar wurden aus Zeitmangel zwei der drei Spiele nicht lange genug gespielt, damit die polnischen Husaren ihre volle Schlagkraft entfalten konnten, trotzdem war ich mit dem Verlauf nicht so recht zufrieden (obwohl ich natürlich den Osmanenspielern ihren Sieg gönne :-)

Hier sind nun einige Fotos von unseren Spielen in Speyer:

Die Anfangsaufstellung. Links unten die Polen beim Durchqueren der Weinberge und Felder am Fuße des Wiener Waldes. Im Zentrum die Hügelreihe von Nussberg, Schafberg und Michaelsberg. Rechts oben die Darstellung Wiens (auch wenn die Stadt in Wirklichkeit weiter vom Wiener Wald entfernt ist.) Auf der rechten Seite die Osmanen, verteilt über mehrere Ortschaften, das Hauptlager und die Türkenschanze.

Die massierte türkische Reiterei des linken Flügels

Die bayrische Infantrie bereitet sich darauf vor, den Cobenzlberg zu besetzen.

 

Näherer Überblick über die Osmanen. Rechts unten die Reiterei, Mitte rechts das osmanische Lager, darüber die rechteckige Türkenschanze 

Die Osmanen haben das Örtchen Nussdorf befestigt und mit Kanonen bestückt. Rechts darüber Sievering.

Die ersten Stunden der Schlacht. Unten rechts haben die Kaiserlichen denn Nussberg genommen. Anderenorts ist man am Vormarsch aber noch nicht in Feindkontakt (mal von einschlagenden Kanonenkugeln abgesehen).

Gefecht zwischen polnischen Haiduken und Reiterei gegen osmanische Sipahi

Rechts strömen Deli-Reiter und Krim-Tartaren über den Michaelsberg. Links müht sich die schwere polnische Reiterei in Marschkolonnen durch das unwegsame Gelände. Davor ein Schutzschirm aus Kosaken, Dragonern und Haiduken.

... bald danach greifen die Polen ins Schlachtgeschehen ein, sind aber im wesentlichen zu spät um eine Entscheidung zu ihren Gunsten zu erzwingen.

Die Fortsetzung:
Daher entschloss ich mich, das Szenario mit etwas kleineren Armeen und Spielfläche nochmal als Solo-Wargame bei mir zu Hause durchzuspielen.

Ich reduzierte beide Armeen auf 1.250 Punkte und warf einige der Einheiten raus, die nicht so richtig zu den FoG-Armeelisten und den Quellen passen wollten oder die mir in den vorangegangenen Spielen zu überlegen erschienen.


Überblick über das etwas geschrumpfte Szenario bei mir zu Hause. Wien und Donau wurden wegrationiert, die Hügel und Ortschaften passend zur kleineren Tischgröße reduziert. Alles in allem nicht ganz so beeindruckend wie die Platte in Speyer, aber die wesentlichen Merkmale der Schlacht sind erhalten geblieben.

Außerdem nahm ich mir vor, die Türken eher defensiv zu spielen. Trotzdem ertappte ich mich aber oft genug dabei, wie doch die ein oder andere Sipahi-Reiterei die Schlachtlinie verließ und aggressiv versuchte schwache gegnerische Punkte zu bedrohen.

Bayrische und kaiserliche Infantrie schießen eine verwegen vorgerückte türkische Reitereinheit zusammen.

Diesmal gehen die Polen in einer gemischten Linie aus Infantrie und Kavallerie vor. Da ihnen auch nur leichte osmanische und tartarische Reiter gegenüber stehen, können sie bedeutend einfacher das schwierige Gelände verlassen.

Das Szenario lief wesentlich besser, auch wenn es die ein oder andere „unhistorische“ Entwicklung gab.

Highlights waren:

Der linke kaiserliche Flügel hatte sich tapfer an die türkischen Verteidigungsstellungen heran gearbeitet, aber dann schlug sein Schicksal, als eine Kürassiereinheit durch Beschuss angeschlagen und dann im Nahkampf von Sipahi aufgerieben wurde. In der sich anschließend verbreitenden Panik (schlechte Moraltests der eigenen Einheiten in der Nähe, die auch schon angekratzt waren) löste sich der gesamte linke kaiserliche Flügel auf und die nachsetzenden Sipahi verhinderten nicht nur, dass sich auch nur eine Einheit wieder sammelte, sondern eroberten stattdessen den Nussberg zurück, mitsamt der dort befindlichen kaiserlichen Artillerie.

Der linke kaiserliche Flügel bei Nussdorf und Nussberg: die Sipahi links überholen eine fliehende Einheit kaiserliche Infantrie, treiben eine Kürassiereinheit vor sich her und werden auch die oben rechts stehenden Reiter wieder brechen, die sich gerade erst von ihrer 1.Flucht gesammelt haben.


Janitscharen und Artillerie besetzen die Türkenschanze

Im Zentrum hatte sich sächsische und bayrische Infanterie bis auf Angriffsentfernung der Türkenschanze genähert, wurde aber dann so stark beschossen, dass sie nicht mehr zum Angriff zu bewegen waren. Ich rechnete fest damit, dass sie über kurz oder lang die Flucht ergreifen würden. Aber sie hielten über viele Runden im Kugelhagel aus und ordneten wieder langsam ihre Reihen, so dass zumindest die Sachsen zum Schluss des Spieles wieder motiviert genug waren, um die Janitscharen in der Türkenschanze durch Beschuss in die Flucht zu schlagen und anschließend die Schanze zu besetzen.

Nach zähem Ringen auf Messers Schneide sind die Janitscharen geflohen und die deutsche Linieninfantrie kann die Türkenschanze nehmen.

Der polnische Angriff auf der rechten Flanke verlief planmäßig und entsprechend dem historischen Verlauf. Zuerst dauerte es eine ganze Zeit, bis die Pancerni und Flügelhusaren das schwere Gelände des Wiener Waldes hinter sich gelassen hatten, aber dann gab es kein Halten mehr. Sie trieben die Osmanen und Tartaren vor sich her. Jeder der nicht wegplänkeln konnte, wurde im Nahkampf geschlagen und zerstreut. Die Janitscharen der Reserve, unter der Führung von Kara Mustafa persönlich, hielt zwar eine ganze Weile, mussten dann aber doch die Flucht antreten. Danach erreichten die Polen das türkische Lager und begannen mit der Plünderung.    

Lubomirskis Polen reiben anatolische Sipahi auf. Darunter leidet auch die Moral der nahestehenden osmanischen Hilfstruppen (links Ungarn und rechts abgesessene Sipahi im Dorf)

Die polnische Husaria und Pancerni haben die gegnerischen berittenen Plänkler zerstreut, Michaelsberg und Schafberg zurückerobert und schwenken nun nach oben auf das osmanische Zentrum ein.

Bald darauf fällt das türkische Lager und die Brandschatzung beginnt.

 

Fazit:
Das Forsetzungs-Spiel endete genau wie die historische Schlacht mit einem Sieg der Entsatzstreitmacht, wenn auch unter deutlich höheren Verlusten.

Das ungekürzte ursprüngliche Szenario ist für die Entsatzstreitmacht fast nicht zu gewinnen. Die Osmanen waren zu gut gewichtet und selbst die großen Infantrieeinheiten waren, trotz schlechter Qualität, immer noch zu stark.
Insbesondere die Kombination auf türkischer Seite von bereits aufgebauter Artillerie an den wichtigsten Punkten, mit leichteren Fußtruppen einfach zu verteidigende Dörfer und die gute Reichweite von Bögen und Musketen, sorgte dafür, dass die Kaiserlichen schon sehr geschwächt waren, bis sie auf Schlagdistanz herankamen. Dann reichten meist wenige Sipahi oder Fernkampftreffer, um den Rest der Kaiserlichen aufzureiben.
Dass die kaiserliche Artillerie nicht von Anfang an aufgebaut ist und noch einige Spielrunden über das Feld gezogen werden muss, ist ein wesentlicher Nachteil, da den anderen Truppen die Feuerunterstützung fehlt. Es ist so kaum möglich, Angriffsziele vorher „sturmreif“ zu schießen. Im Gegensatz dazu können die Osmanen die Kaiserlichen von Anfang an unter Artilleriebeschuss nehmen.

Das alles machte die oben genannten Modifizierungen erforderlich.

Es hat sich erneut gezeigt, dass es sich bei größeren und komplexeren Schlachten auszahlt, mehrere Durchgänge oder Testspiele zu machen, um die richtige Balance zu finden zwischen Masse und Qualität der beteiligten Armeen um ein ausgewogenes Szenario auf die Beine zu stellen, bei der jede Seite eine realistische Gewinnchance hat.

Insofern waren diese Wien-Refights nicht nur eine sehr unterhaltsame und anschauliche, sondern auch eine lehrreiche Erfahrung.